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Anna Mitterer / Felix Mitterer

Felix Mitterer
„Wien, Wien, nur du allein

Seit 2008 gibt es die drei Lifaßsäulen am Yppenplatz in Wien/Ottakring, ausgehend von der Beschäftigung des Vereins Grundsteingasse mit der Geschichte der jüdischen Familie Dichter, weiterführend in den Folgejahren zu anderen „Opfern des Nationalsozialismus“. Und nun also (2021) ist Georg Stefan Troller, der heuer 100 Jahre alt wird und in Paris lebt, der Protagonist auf den „Säulen der Erinnerung“. Meine Tochter, die Künstlerin Anna Mitterer war im Juli bei ihm in seinem Sommerhäuschen in der Normandie, und steuert die Bilder bei. Ich selber als Schriftsteller beteilige mich mit einem Text, den ich als Laudatio für Troller schrieb, als er 2005 den Theodor Kramer-Preis erhielt:

Vor 60 Jahren steht Georg Stefan Troller, 24 Jahre alt, Korporal der US-Armee, auf einem bayerischen Berg und schaut in das Land Salzburg hinab, auf die Landschaft seiner Jugend. Als Reporter der Münchner „Neuen Zeitung“, herausgegeben von den Amerikanern, soll er über die Schmuggler der „grünen Grenze“ berichten. Und als er so ins „Salzburgische“ schaut, da packt ihn eine Sehnsucht.

„Ein halbes Jahr war ich nun in München gewesen. Wohlversorgt, beschäftigt und unter Freunden. Sogar eine deutsche Freundin hatte ich. Was ging mir ab? Ich hätte es damals nicht genau definieren können, und heute ist es kaum mehr darstellbar. Was mir fehlte, war das Gefühl der Heimkehr. Der Wiederkehr. Des Neuanfangs, nein, der Neugeburt. Aus dem neuen Deutschland musste prinzipiell ein neuer Troller entstehen. Zuviel an Sehnsüchtigem hatte sich aufgestaut in der Emigration, als dass dieses bequeme und umworbene Besatzerdasein mich noch zufrieden stellen konnte. Nicht beneidet wollte ich werden, sondern benötigt und (sofern das Wort noch unter den Lebenden weilte): geliebt. Ich wartete auf einen Ruf. Von Deutschland kam dieser Ruf nicht. Nichts von Deutschland drang, zu meiner immensen Perplexität, an mein Herz. Und in jenem Moment, wo ich aufs „Salzburgische“ niederblickte, wusste ich mit fast verzweifelter Hoffnung, es musste dies sein oder nichts. Ich hatte hundertmal verkündet, dass ich mit Österreich fertig war. Wie mit einer Frau, die einen schändlich betrog. Wenn auch ihr Verführer sich später als Niete erwies. Vielleicht hieß sie mich jetzt von neuem willkommen in ihrem Schoß? Allerdings hatte ich mir ja inzwischen eine weitere angelacht, die Legitime sozusagen. Die mir seit drei Jahren Sold zahlte, mich nährte und kleidete und mir ihren Trauschein – die Bürgerpapiere – verlieh. Aber die Wahrheit war, dass ich nicht zurückwollte, zur Legitimen. (Eine unmögliche Wahrheit, die ich fast schon vor mir selbst verheimlichte.) Dass jedoch kein vernünftiger Ruf mich von ihr fernhielt...es sei denn: der unwiderstehliche Ruf, auf den ich wartete. Und der Heimatschoß, in den ich versinken konnte, so tief, dass nichts mehr von mir sichtbar blieb.“

Und so geht Troller nach Wien, wird bei der so genannten amerikanischen „Theaterkontrolle“ als Mitarbeiter engagiert. Sucht die alten Plätze der Kindheit auf.

„Wie alle Wiener, habe ich Wien jederzeit ebenso glühend geliebt wie gehasst, was zweifellos fruchtbar ist. Gleichgültig ließ mich die Stadt nie, aus der ich mit siebzehn hinausmusste. Ich fühlte mich ja nicht bloß als Kind aus Wien: Ich war ein Kind von Wien, ich war Wienerkind. Wie man eben Wienerwald sagt oder Wienerschnitzel. Diese Herkunft, mitsamt ihrer spezifischen Version des Deutschtums, habe ich lebenslang als so verpflichtend gefunden wie die Abstammung von meinen jüdischen Vorfahren.“

In München haben Troller die zerbombten Häuser gleichgültig gelassen, hier in Wien beklagt er die kleinste Lücke im Straßenbild. Eine Nacht und einen Tag wandert er im Schneetreiben durch die Straßen. Vergisst seine Amiuniform, wird wieder Kind, Wienerkind. Dann steht er im „Fetzenviertel“ vor dem Geschäftshaus seines Vaters. Eine Ruine, ausgebombt. Er sucht die Wohnungen der Kindheit auf. Bei einer Hausbesorgerin steht das „Boudoir“ der Mutter, aus Kirschholz. Vaters Bibliothek findet sich beim ehemaligen Ladendiener. Bei Wachmann Fuchs, der nach der so genannten „Kristallnacht“ den Flügel sorgfältig vermaß, steht ebendieser, er hatte richtig ausgemessen. In der letzten Wohnung sitzt ein kleiner Junge auf dem Nachttopf, vor sich ein Spielzeug, ein Blechmännchen. Troller zieht das Blechmännchen auf, es schlägt die Trommel. Das Kind freut sich, denn es hat nicht mehr funktioniert. „Ach ja,“, sagt Troller, „das hat schon damals nicht richtig funktioniert, und hat mich fünf Schilling Taschengeld gekostet.“
Wie peinlich ist all das, wie entsetzlich peinlich. Sie fürchten sich vor der Amiuniform. Aber nicht vor Troller. Kein Unrechtsbewusstsein. Eine Ausnahme in der letzten Wohnung, ein Mann im Rollstuhl. In seinen Augen liest Troller, dass er versteht, dass ihn das alles bedrückt.
Bei der Theaterkontrolle gibt’s nichts zu kontrollieren. Ein Thornton Wilder-Stück wird vorbereitet. Der Regisseur ein ehemaliger Nazi, die meisten Darsteller ebenso. Claudia, Trollers Freundin, als einzige unbelastet. Troller protestiert. Aber sein Chef, Leutnant Karpeles, zuckt die Schultern. „Mit wem soll ich Theater machen? Mit Ihrer Claudia als Solonummer?“
Und mit Claudia geht’s auch nicht. Sie will, dass er vergisst, einfach alles vergisst. „Schluss mit der Vergangenheit!“  Dieser Satz entstand bereits im Mai 1945.

Im Frühjahr 46 reist Troller zurück nach Amerika, verlässt die Armee. Der Vater, immer noch in New York, will, dass er endlich einen Beruf ergreift: „Zwei Wege stehen dir offen, mein Sohn, Pelz oder Konfektion“. 
Für drei Jahre Dienst in der US-Armee stehen Troller ein Darlehen von 10.000 Dollar zu oder ein Hochschulstipendium für vier Jahre. Er geht nach Kalifornien, studiert dort englische, deutsche, französische Literatur und eine Menge anderes. Er gibt sich Neugierigen gegenüber als Pariser, als Schotte, als Sizilianer zu erkennen. Jedesmal meinen die Leute, er sähe „typisch“ für seine Herkunft aus. Aber manche halten ihn doch für einen Mexikaner, der nachts über den Rio Grande kam. Warum kehrt er nicht die Straßen oder pflückt Obst?  Denn man ist ja vorwiegend blond in Kalifornien.

„Blonde schmalhüftige Götterjünglinge ritten auf Wellenbrettern durch die Brandung, und schwellende blonde Göttinnen erwarteten sie wohlgemut am Strand.“

Trollers platinblonde Hauswirtin hat auch nichts mit Europäern am Hut: „Jemand, der sich erst wohl fühlt, wenn’s ihm schlecht geht!“

Troller muss da raus, und er trampt auf abenteuerliche Weise in den Süden, hinter D.H. Lawrence her in Mexiko, und besonders hinter B. Traven, das sind seine literarischen Götter. Am Ende landet er in Guatemala-City, ohne Geld, ohne Papiere, der amerikanische Konsul hilft ihm. 

Und dann ist Troller schon wieder in Wien, er kann es nicht lassen. Er studiert Theaterwissenschaft, sein Kindheitstraum.

„Nein, kein Mensch stänkert mich an. Es regnet sogar Freundlichkeit. Es scheint nun mit den Juden ein Geheimabkommen zu geben: „Wir verpflichten uns, Sie von nun an als pittoresk und althergebracht zu führen. Sie, Herr Jud, erbieten sich im Gegenzug, uns nicht mehr mit der Nase in den Hitlerdreck zu stoßen.“ Die Juden – mit Ausnahme von Nazijäger Wiesenthal – haben sich sogar brav daran gehalten. Die anderen weniger. Der Neuanfang schafft eine Verdrängungsgesellschaft.“
Das stellt Troller auch im Theaterwissenschaftlichen Institut fest.

„Der Direktor heißt Professor Heinz Kindermann. Einst eine Leuchte völkischer Literaturbetrachtung und NS-Wurzelrethorik. Dem es sogar gelang, Goethe zu einem Nazi zu machen.  .... Und wiederum sind Wahlen in Österreich fällig, und jetzt geht es gar nicht mehr so lammfromm zu, wie seinerzeit abgesprochen. .... Ein Plakat zeigt das Land von einem tiefen Graben durchschnitten. Rechts ein braver Mann, der hilfreich eine Planke über diesen Graben schiebt. Wem schiebt er diese rettende Planke zu? Einem Volksgenossen, mit dem zarten Wort „NS-Problem“ beschriftet. Und wer schmeißt hinten roten Dreck auf diesen Akt der Nächstenliebe? Zwei sozialistische Rowdies mit Judennasen. Und wie betitelt sich das Ganze? „Sie reden vom ewigen Frieden und wollen ewigen Hass.“

Troller verlässt Wien und geht nach Paris, an die Sorbonne, seine Eingabe um ein Stipendium wurde von den Amerikanern bewilligt. Aber vorher nimmt er Abschied. Einen ganzen Tag läuft er durch den Herbstwald, bis hinaus über Klosterneuburg.

„Nein, eine zweite Landschaft wie diese ließ sich auf der ganzen Welt nicht finden. Es gab keinen Grund, dass ich nicht noch hundertmal nach Wien kommen konnte, wenn ich dazu Lust verspürte. Allerdings nie mehr mit dem Anspruch nach Heimkehr. Das war jetzt vorbei. Aus der Traum. Aber nicht nur dieser Traum war ausgeronnen, sondern das Träumen überhaupt. Ich meine diesen Zustand naiver Wundergläubigkeit und Unverletzbarkeit, der mich über meine Jahre hinaus angetrieben und wahrscheinlich auch vor allen Fährnissen beschützt hatte. Und aus dem ich jetzt endgültig ausschlüpfen musste. Nicht wie der Schmetterling, der bunte, aus der grauen Raupe. Sondern, so kam mir das vor, eher umgekehrt.“

Paris, keine unbekannte Stadt für Troller. Von Prag war er im Frühjahr 1939 nach Paris geflohen, denn die Tschechei war nicht mehr sicher. In Paris, und dann im Süden, das lange, enervierende Warten auf ein Visum für die Überfahrt nach Amerika. Die Deutschen überwältigen Frankreich. Internierung als verdächtiger Ausländer. Dann endlich auf nach Amerika, von Marseille aus. Doch in Casablanca schon das vorläufige Ende, Internierung in einem Lager in der Wüste. Nach zwei Monaten aber schlussendlich doch auf dem Weg nach New York. Und jetzt erneut Paris.

„Ließen sich die Dozenten herbei, zu erscheinen, so lasen sie im Gegensatz zu Amerika oder Wien nicht etwa über Themen, die ihre Hörer studieren wollten. Sondern über solche, die sie selber interessierten. Oder vielleicht in ferner Jugendzeit einmal interessiert hatten, als Literatur für sie noch flüssiges Feuer war und nicht erstarrte Lava.“
Als Troller erfährt, dass er eine Kleine These von zirka 300 Seiten schreiben soll sowie eine große von so ungefähr 1000 Seiten, rechnet er sich aus, dass er nach Bewältigung dieses Manuskriptberges, den kein Mensch je lesen wird, bestimmt längst das dreißigste Lebensjahr weit überschritten haben würde. Und er betritt die Sorbonne nie mehr wieder.

Da er bereits 1945 bei Radio München gearbeitet hatte, Gründungsmitglied Nummer sieben des späteren Bayerischen Rundfunks, bewirbt er sich bei der Radiostation „Die Stimme Amerikas“ in Paris. Als ehemaliger Österreicher produziert er nun auch Beiträge für den Sender Rot-Weiß-Rot, und zwar die erfolgreiche Serie „XY weiß alles“.

Damit beginnt der Aufstieg Trollers zum Medienpionier in Rundfunk und Fernsehen. Nachdem er die amerikanische Radiostation verlassen hat, macht er in den folgenden Jahren über 2000 Rundfunkreportagen für alle deutschen Sender. Er erfindet für den WDR mit dem „Pariser Journal“ das Fernsehfeuilleton, das regelmäßig über 50% Einschaltquote hat; 50 Folgen davon fertigt er an von 1962 bis 1971. Dann hat er es satt und will sich intensiver mit Menschen auseinandersetzen, mit Menschen aus der ganzen Welt, auf die er neugierig ist. Und so entsteht für das ZDF die Sendereihe „Personenbeschreibung“, 75 Folgen in den Jahren 1972 bis 1994. Neben vielen unbekannten Personen (wie mich, Felix Mitterer, 1990) sucht er sich auch bekannte Künstler aus, zum Beispiel Peter Handke, Liv Ullmann, Charles Bukowski, Melina Mercouri, Leonard Cohen.

„Der eingestandene Hauptzweck dieser Sendungen ist es, mir selbst Freude zu bereiten. Man hat sie „positiv“ genannt, was wahrscheinlich daher kommt, dass ich ziemlich negativ eingestellt bin. Man hat auf ihre „Lebenshilfe“ hingewiesen, und die scheint mir darauf zu beruhen, dass sie meine private Lebenshilfe darstellen. Regelmäßig porträtieren sie Leute, die sich am eigenen Schopf aus der Misere ziehen. Menschen, die Minderheiten angehören oder sonst wie benachteiligt sind, Behinderte oder Geschaffte. Wie machen die das, nicht nur zu überdauern, sondern zu überwinden? Das stelle ich in den Raum. Ich stelle es auch als Frage an meine Interviewpartner. Ich frage die Dinge ab, die ich selber wissen muss. Was in der Regel in den Sendungen aufscheint ist, dass es die innere Haltung und die persönlichen Vorstellungen der Menschen sind, die über ihr Glücklichsein oder ihr Elend entscheiden. Ihr Schicksal liegt in ihrer Hand, trotz allem. Essenz kommt vor Existenz, auch wo die Lebensbedingungen eine erdrückende Rolle spielen. Du kannst ein viel reicheres Leben führen, als die Umstände dir zu gestatten scheinen, als du dir zutraust oder du für erlaubt hältst. Du hast keine Chance, nutze sie. Du bist frei.“

Dass Troller dann letztlich doch auch noch für das österreichische Fernsehen arbeitet, hat mit Axel Corti zu tun, dem bedeutendsten  Fernsehregisseur, den Österreich bislang aufzuweisen hat. Troller schreibt für Corti die zwei Drehbücher „Ein junger Mann aus dem Innviertel  - Adolf Hitler“ sowie „Der junge Freud“, vor allem aber die große Trilogie „An uns glaubt Gott nicht mehr“, „Santa Fe“ und „Welcome in Vienna“. Die Grundlage dieser drei Filme ist die große und großartige Autobiografie von Georg Stefan Troller, „Selbstbeschreibung“ betitelt. Alle Zitate, die ich in dieser Laudatio verwendet habe, stammen aus diesem Werk, das, vor allen anderen Büchern Trollers, wohl der Anlass ist für die Verleihung des Theodor Kramer-Preises.

Dass ich kaum mit eigenen Worten den Preisträger lobe, hat einen ganz einfachen Grund: Was er selber sagt, ist viel bedeutender als alles, was ich je von mir geben könnte, es spricht ganz von selbst für diesen Mann, der, auch wenn er das nicht hören mag, ein Weiser ist, ein Lehrer, ein Rabbi.

Über die Zeit der Emigration schreibt Troller:
„Wer waren wir also? Exilanten? .... Nie habe ich mich als Exilant gesehen. Eine viel zu hochgestochene Vokabel für unseren würdelosen Rausschmiss. .... Wir empfanden zum überwiegenden Teil unsere Vertreibung als etwas Endgültiges und Unwiderrufliches, ohne dass uns das bei der Identitätsfindung weiter gebracht hätte. Was waren wir? Nach unserem intimsten Gefühl: deutsche Diaspora. Ein Begriff, den es aber bis heute nicht gibt. .... „Das weiße Rössl am Central Park“ in der Originalbesetzung. .... Das ist nicht mehr jüdischer Galgenhumor, hier tanzen sie schon am Strick. Während in Wien gerade die letzten Juden liquidiert werden, singen wir tränenselig „Wien, Wien, nur du allein.“ .... Dies war meine New Yorker Krankheit: eine Lähmung, eine graue Passivität, eine zähe Tatenlosigkeit. Ich lebte nicht mehr, ich wurde gelebt. Eine Schattenexistenz.“

Das alles hat Georg Stefan Troller überwunden, hinter sich gelassen. Gewiss nicht ohne Wunden, ohne Narben, die bleiben immer, wie könnte es anders sein, nach all dem Schrecken, nach all den Verlusten, nach all dem, was ihm und seiner Familie angetan wurde. Aber sein Hunger nach Leben war größer. Auch sein Hunger nach Liebe war größer. Und da er Liebe gab, von Mensch zu Mensch, von Mann zu Frau, in all seinen Werken, kam sie auch zu ihm zurück.

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