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DARRAN LEAF "fuck off"

Gesichter aus der Welt der Kunst und der wirklichen Welt dahinter, fotografiert von Performance-Künstler Leaf – Gesellschaft, die sich hinter denselben Brillengläsern versteckt. Welche mit den Wörtern “fuck off” beschrieben sind, in Großbuchstaben. Begonnen hat das Projekt mit einem Fotografie-Wettbewerb (den er nicht gewonnen hat), danach hat Leaf während der letzten sieben Jahre eine ungeheuer große Menge an Menschen gefragt – Freunde und komplett Unbekannte – ob sie seine speziell angefertigten Brillen aufsetzen und sich damit von ihm mit seiner Kleinbildkamera fotografieren lassen würden. Leute lehnen ab. Diejenigen, die Ja sagen, gehen unterschiedlich mit der Situation um. Von blankem Schock, so als ob sie bereits wieder vergessen hätten, wofür sie sich da gemeldet haben, bis zu jenen, die etwas verlegen posieren. (Manche befinden sich auf Ausstellungseröffnungen. Manche sind beschwipst.)

Auf den ersten Blick scheint bei Leafs Slideshow etwas zu fehlen – um knappe fünf Sekunden Ruhm werden die erwarteten fünfzehn Minuten gekürzt. Aber durch dieses Verkürzen der zugestandenen Zeit erhöht sich gleichzeitig die Chance, dass alle mitmachen können. Das ist die Großzügigkeit und die Ambiguität, die Leafs Projekt innewohnt. So wie der Kartograph in Borges’ Kurzgeschichte umfasst Leafs Arbeit potentiell alles, ist eine eins-zu-eins Inventur. Denn es gibt nicht nur diejenigen, die da sind und alle jene, die noch nicht da sind, weil er sie noch nicht getroffen hat – es gibt noch einen dritte Kategorie: Diejenigen, die nicht da sind, weil sie abgelehnt haben.

Was ist die Botschaft? Unerschüttlich im Gleichgewicht – jede Seite der Auseinandersetzung steht zur Verfügung, um unser Gewicht darauf zu verlagern. Wir sind konfrontiert. Sogar angegriffen, vielleicht? Der simple Widerspruch zwischen offensichtlicher Aggression und entgegenkommendem Posieren hält alle Opposition konstant. Die Belustigung auf den Gesichtern derer, die – in einer Art visueller Karaoke – als temporäre Stars ausgewählt worden sind, steht meist im Widerspruch zu dieser Annahme. Sie sind weit entfernt davon,
Zeichen zu sein, die sagen, was sie meinen.


Diese von außen auferlegten Rahmen gestatten uns, den Fokus auf die ungerahmte Realität zu richten. Es ist der Hintergrund, der Kontext, die Person – die Botschaft auf den Brillengläsern ist nur ein Vorwand. Dies ist das Fixiermittel, welches das Bild sicherstellt (der McGuffin, um einen allzu oft benutzten Film-Terminus zu verwenden). Dieser merkwürdige “Film” verzichtet jedoch auf die Geschichte. Er entwickelt keinen Plot; er wird zu einer sich vervielfachenden Gesichter-Menge – eine Gegenüberstellung für ein nicht näher beschriebenes Verbrechen. Es gibt kein Geheimnis aber Spannung, die entsteht, wenn ein Slide auf das andere folgt. Wann werde ich berühmt,
oder habe ich mich übersehen?


Ein Verpiss Dich oder Komm Her – die Ambivalenz nimmt ein enormes Ausmaß an, und kann damit niemanden verletzen. Die Erlaubnis wurde erteilt. Diese nicht eindeutige Botschaft wandert von Leaf zum Subjekt und wieder zurück zu Leaf. Wenn der Kreis sich schließt, befindet sich die Bedeutung zwischen Aggression und befriedigender Eitelkeit im Gleichgewicht. Aber selbst wenn du eines dieser Gesichter auf diesen Fotos bist, die Chancen sind gering, dass du dein Bild in dieser fortdauernden Projektion tatsächlich zu sehen bekommst. Wessen Eitelkeit wird also befriedigt? Wessen Vorführung ist das überhaupt? Dank dieser ständigen Schar von Tausenden von
Mitwirkenden können wir zuschauen, wie die Parade an uns vorüber zieht.

Hier kommen wir, alle.

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